ATLAS LASTEN

TEIL DER AUSSTELLUNGSREIHE MIND the GAP

Installation über sieben Stockwerke im Lichthof und den Kabinen des stillgelegten Paternosters im Bieberhaus Hamburg 2021

kuriatiert von Sven Christian Schuch

Fotos: Volker Renner und Alex Hojenski

ATLAS LASTEN kreist um starrköpfige Positionen, die es nicht nur schwer haben, sondern in der Aufrechterhaltung ihrer Rollen und Pflichten selbst zur Last werden können.

Von der Fassade über dem Haupteingang des Bieberhauses blicken zwei Atlanten auf den Bahnhofsvorplatz. Das Besondere an Atlas ist, dass er nicht von der Stelle rückt. Er bleibt seiner Aufgabe verpflichtet und stemmt das Gewicht der Erdkugel auf seinen Schultern. Je nach Version der Erzählung macht er dies als Strafe oder als Folge eines Tricks, in dem ihm der Globus nur für einen Moment übergeben werden sollte. Für mich ist prägnant an der Erzählung, dass sie die Vorstellung eröffnet, dass es überhaupt jemand menschlichen oder menschenähnlichen geben könnte, der für globale und darüberhinaus reichende Stabilität sorgen könnte. Im nächsten Schritt folgt, dass wir sowohl dieses zentrale Gleichgewicht, wie auch eine solche starke Person als globale Stütze bräuchten.

Installation in 12 Paternoster-Kabinen auf 7 Etagen
Edelstahlgewebe, Filterkies, Drahtseil, UV-Druck auf Glas, Wasser, Pigment, Aluminiumwannen, Stahlrohre, Metallringe, Haken

ATLAS LASTEN centers around inflexible positions that not only have a hard time, but can become a burden themselves in the maintenance of their roles and duties.

From the facade above the main entrance of the Bieberhaus, a hundred-year-old office building, two Atlas figures look out onto the station’s square in Hamburg. What is special about Atlas is that he does not move from the spot. He remains committed to his task and supports the weight of the globe on his shoulders. Depending on the version of the narrative, he does this as a punishment or as a result of a trick in which the globe was to be handed to him just for a moment. For me, what is striking about the narrative is that it opens up the idea that there could be someone human-like at all who could provide stability globally and beyond. What follows is the belief that we would need this central balance and a strong person as global support.

Installation in 12 paternoster cubicles over 7 floors
stainless steel mesh, filter gravel, wire rope, UV-print on glass, Water, pigment, aluminum tub, steel pipe, metal rings, hooks

Das Treppenhaus bietet die Möglichkeit, in Kapiteln vorzugehen.
Ein erster schneller Gesamteindruck entfällt. Die Einblicke in die sieben Stockwerke überlappen sich zwar im Lichthof, dennoch ist es nicht möglich, die Installation auf einmal zu überblicken. Stockwerk für Stockwerk wiederholen sich Elemente, die immer wieder in anderen Konstellationen eingespannt sind. Darin eingeschlossen ist das, was bereits zuvor vor Ort war: Das schmuckvolle Treppenhaus, die Mieter:innen, die Architektur des Paternosters inklusive seiner Gebrauchsspuren und den alten Verbotsschilder in und an den Kabinen.
In den gestalterisch gleichgesetzten Piktogrammen werden Menschen mit Rollstühlen und Lasten dem Bereich der Paternosterkabinen verwiesen. Zu (ihrem) Schutz. Ein Angebot für eine Alternative bleibt auf ihnen aus. Die Verhaltensregel hat Vorrang. Als Abschirmung verhandeln die eingesetzten Edelstahlnetze die Möglichkeit des Zutritts weiter. Ein Fallnetz demonstriert die Gefahr der Tiefe oder ist doch eine Herausforderung zum fiktionalen Sprung?

Die versprochene Sicherheit und Stabilität kommt also mit Einschränkungen und Abgrenzungen. Der Paternoster im Inneren des Kontorhauses ist stillgelegt. Elektronische Aufzüge ersetzen heute den mechanischen Dauerlauf. Ein Teil der Lasten hat sich ins Immaterielle verschoben und wirkt doch auf unsere Körper zurück. Während die Last des Atlas einst unseren gesamten Erdball ausmachte, wird heute auch die Büroarbeit mit dessen Mühen in Verbindung gebracht. Die Verspannung des Atlas-Wirbels, der oberste unserer sieben Nackenwirbel, ist eine häufige Folge langer Büroarbeit und Verwaltungstätigkeiten. Ähnlich wie beim früheren Atlas, der all seine Lasten auf den Schultern trägt, ist es die Monotonie und Versteifung, die das Übel bringt. Der Arbeit eingeschrieben, verharren wir in der Pflichterfüllung.

The staircase offers the possibility to proceed in chapters.
A first quick overall impression is not possible. The views of the seven floors overlap in the atrium, but it is still not possible to survey the installation all at once. Floor by floor, elements repeat themselves, always clamped in different constellations. This includes what was already there before: the ornamental staircase, the tenants, the architecture of the paternoster with its traces of use and the old prohibition signs in and on the cubicles. In the pictograms, which are identical in terms of design, people with wheelchairs and loads are directed away from the area of the paternoster cabins. For (their) protection. An offer for an alternative is left out on them. The behavior regulation has priority.
As a barrier, the stainless steel nets further bargain the possibility of access. A safety net demonstrates the danger of depth or is it a challenge to a fictional jump?

The promised safety and stability, then, comes with restrictions and limitations. The paternoster inside the office building has been deactivated. Electronic elevators now replace the mechanical continuous run. Some of the loads have shifted to the immaterial and yet rebound on our bodies. While the load of Atlas once made up our entire globe, today office work is also associated with its travails. Tension in the Atlas spine, the uppermost of our seven neck spines, is a common result of prolonged office work and administrative activities. Similar to the former Atlas, which carries all its burdens on the shoulders, it is the monotony and stiffness that brings the malady. Inscribed in the work, we persist in the fulfillment of duty.

Gibt es für Gewichte nichts, das sie beschweren, an dem sie hängen, scheinen sie nur nutzlos abgelegt. Die Abkehr von Zweckmäßigkeit eröffnet jedoch die Möglichkeit alternativer, narrativer und reflektiver Nutzungen. Die Kabinen werden zu Brutkästen und Nährkammern umkodiert. Atlas’ Lasten sind zwischen Kraftaufwand, Überrepräsentation und Unbeweglichkeit stecken geblieben. An der Schönheit des Dekors bleibt meine Beklemmung kleben.

If there is nothing for weights to be weighted down, to hang from, they seem merely uselessly discarded. The departure from utility, however, opens up the possibility of alternative, narrative, and reflective uses. The cubicles are recoded as incubators and nutrient chambers. Atlas‘ loads are stuck between effort, overrepresentation, and immobility. My trepidation sticks to the beauty of the decor.